Der blinde Fleck der Windenergie: nächtlicher Vogelzug und Windpark-Abregelung
Windenergie gehört zu den wirksamsten Instrumenten der Energiewende. Doch es gibt versteckte Betriebskosten, die selten Schlagzeilen machen: Jedes Jahr schalten Windparks in ganz Europa ihre Turbinen stundenlang ab, nicht wegen technischer Ausfälle, sondern wegen Vögeln.
Das nennt sich Windpark-Abregelung. Und ein überraschend großer Teil davon hat eine einzige Ursache: den nächtlichen Vogelzug.
Das Problem mit Vogelschutz und Windkraftanlagen
Vögel und Windkraftanlagen haben ein schwieriges Verhältnis. Während der Zugzeiten durchqueren Milliarden von Zugvögeln Europa, viele davon nachts. In Windparkgebieten können die Turbinen dabei ein ernstes Kollisionsrisiko für Vögel darstellen.
Um dieses Kollisionsrisiko zu managen, arbeiten Windparks mit Abregelungsalgorithmen: vorprogrammierten Zeitplänen, die Turbinen in risikoreichen Phasen verlangsamen oder stoppen.
Das Problem ist, dass diese Abregelungsalgorithmen auf historischen Zugdaten basieren. Sie setzen voraus, dass Zugvögel jedes Jahr denselben Weg zur selben Zeit nehmen. Doch der Klimawandel verschiebt die Zugzeiten. Arten wandern früher oder später in der Saison. Die Intensität der Zugströme verändert sich. Und die Artenzusammensetzung an einem bestimmten Windparkstandort wandelt sich kontinuierlich.
Ein Algorithmus, der auf fünf Jahre alten Daten beruht, kann Turbinen in risikoarmen Phasen abriegeln und gleichzeitig jene Zeitfenster verpassen, in denen das Kollisionsrisiko für Vögel tatsächlich gestiegen ist.
Nächtlicher Vogelzug: der blinde Fleck im Windpark-Betrieb
Die Vogelaktivität tagsüber ist in Windparks vergleichsweise gut dokumentiert. Beim nächtlichen Vogelzug sieht es ganz anders aus.
Flugverhalten, Artenzusammensetzung, Flughöhe und Zugzeiten in der Nacht gehören nach wie vor zu den am wenigsten erforschten Bereichen der Ornithologie. Dabei bestimmen genau diese Faktoren den täglichen Betrieb von Windparks. Die meisten Abregelungspläne stützen sich auf Annahmen über nächtliche Vogelbewegungen, die nie durch konsistentes, langfristiges Vogelmonitoring überprüft wurden.
Das führt zu einem doppelten Problem für Windparkbetreiber:
- Turbinen werden in risikoarmen Phasen unnötig abgeschaltet, was erhebliche Einnahmen kostet
- Tatsächlich kritische Zugereignisse werden möglicherweise nicht zuverlässig erfasst, was den ökologischen Sinn der Windpark-Abregelung untergräbt
Fallstudie: Hula Earth x Engie Green
Genau diese Lücke im Vogelschutz an Windparks wollen Hula Earth und Engie Green gemeinsam schließen.
In 6 Windparks mit insgesamt 73 Turbinen in Frankreich sind Hulas BioT-Sensoren im Einsatz, um die Vogelaktivität rund um die Uhr zu erfassen. Tag und Nacht werden Artvorkommen automatisch erkannt, bestimmt und protokolliert, ohne manuelle Erhebungen oder Näherungswerte. Nur kontinuierliches, reales Biodiversitätsmonitoring direkt aus dem Feld.
Das Ziel ist ein genaues, aktuelles Bild der nächtlichen Zugmuster an jedem einzelnen Windparkstandort:
- Welche Zugvogelarten sind wann präsent?
- Wie verändert sich die Zugintensität im Saisonverlauf?
- Wie entwickeln sich diese Muster von Jahr zu Jahr mit dem Klimawandel?
Mit der Zeit fließen diese Monitoringdaten direkt in bessere Abregelungsentscheidungen ein. Statt auf historischen Durchschnittswerten zu beruhen, können Turbinen auf das reagieren, was tatsächlich in der Luft über ihnen passiert.
Von Pflichtaufgabe zum Wettbewerbsvorteil
Windpark-Abregelung ist teuer. Jede Stunde, in der eine Turbine unnötig stillsteht, ist verlorener Umsatz. Für große Windparkbetreiber wie Engie Green bedeutet schon eine geringfügige Optimierung der Abregelung erhebliche Einsparungen über das gesamte Portfolio hinweg.
Gleichzeitig wird Biodiversitätsmonitoring an Windparks europaweit zunehmend zur gesetzlichen Pflicht. Richtig umgesetzt verwandelt automatisiertes Echtzeit-Vogelmonitoring diese Pflicht in einen betrieblichen Vorteil: bessere Daten, weniger Ausfallzeiten und belastbare Nachweise für Behörden und Stakeholder.