Von grauer Infrastruktur zur grünen Strategie

Von links nach rechts: Timo Erdelt (Hula Earth), Florian Geiser (Hula Earth), Vice President Sustainability bei STIHL Dr. Friedemann Stock

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Veröffentlicht am 11.02.2026
Lesezeit: 5 Minuten

Von grauer Infrastruktur zur grünen Strategie

Die Urbanisierung beschleunigt sich weltweit. Städte wachsen, Industrieareale breiten sich aus, und mit jedem neuen Gebäude, jeder Straße und jedem Parkplatz geraten urbane Ökosysteme stärker unter Druck. Das Ergebnis ist eine schleichende, aber anhaltende Verschlechterung ökologischer Funktionen in Gebieten, die bereits stark menschlich überprägt sind. Gleichzeitig gewinnen genau diese urbanen und industriellen Räume immer mehr an Bedeutung für Biodiversität, Klimaresilienz und regulatorische Konformität.

Das Management urbaner Industrieökosysteme ist daher kein "Nice-to-have" mehr. Es ist eine strategische Notwendigkeit.

Warum urbane Industrieökosysteme relevant sind

Urbane Ökosysteme liefern eine Reihe von Ökosystemleistungen, die in industriellen Umfeldern oft unterschätzt werden.

  1. Natürliche Temperaturregulierung und Energieeffizienz: Vegetation reduziert den Urban-Heat-Island-Effekt, spendet Schatten und wirkt als Windbarriere - das verbessert die Energieeffizienz auf Industriearealen.
  2. Luftqualität und Biofilterung: Pflanzen binden Staub und Schwermetalle, verbessern die Luftqualität und tragen zur Kohlenstoffbindung bei - ein Beitrag zu Klima- und Gesundheitszielen.
  3. Wasserrückhalt und Regenwassermanagement: Begrünte Flächen verlangsamen Abfluss, fördern Versickerung und filtern Wasser natürlich - das senkt Überschwemmungsrisiken und entlastet Entwässerungsinfrastruktur.
  4. Lärmminderung und Wohlbefinden der Mitarbeitenden: Grüne Wände und bepflanzte Pufferzonen reduzieren Lärmbelastung und verbessern Arbeitsbedingungen in dichten oder industriellen Strukturen.
  5. Regulatorische Konformität und finanzielle Relevanz: Biodiversität wird zunehmend wesentlich für ESG-Berichterstattung. Der Nachweis ökologischer Korridore und funktionierender Habitate unterstützt die Einhaltung von Vorgaben und kann unter Rahmenwerken wie der EU Taxonomy wahrgenommene Transformationsrisiken sowie Finanzierungskosten reduzieren.

Wie sich urbane Industrieökosysteme managen lassen

Wirksames Ökosystemmanagement kann mit schrittweisen Maßnahmen beginnen und erfordert kein vollständiges Standort-Redesign.

  1. Niedrigschwellige Einstiegsmaßnahmen: Nistkästen, heimische Blütenpflanzen und Sträucher unter bestehendem Baumbestand erhöhen bereits Habitatkomplexität und Brutmöglichkeiten.
  2. Strukturelle Diversifizierung: Mehrere Vegetationsschichten schaffen mehr ökologische Nischen und fördern eine höhere Artenvielfalt.
  3. Fortgeschrittene ökologische Gestaltungsansätze: Animal-aided Design integriert Biodiversität in Infrastruktur, etwa durch heimische Hecken oder ökologische Standortgrenzen.
  4. Extensiv und naturnah bewirtschaftete Flächen: Ungemähte Wiesen oder Streuobstwiesen können intensiv gepflegte Rasenflächen ersetzen und die Habitatqualität bei geringerem Pflegeaufwand verbessern.
  5. Ein verbindendes Prinzip: Vielfalt in der Vegetationsstruktur führt konsistent zu robusteren Ökosystemen.

Die verbleibende Herausforderung: Ohne kontinuierliches und präzises Monitoring bleibt unklar, welche Maßnahmen tatsächlich ökologische Wirkung entfalten und wie sich Verbesserungen transparent im großen Maßstab nachweisen lassen.

Fallstudie: Biodiversitätsmonitoring bei STIHL

STIHL setzt bereits seit einiger Zeit Biodiversitätsmaßnahmen an seinen Industriestandorten um. Die zentrale Herausforderung war nicht das Engagement, sondern die Datengrundlage. Das Unternehmen wollte verstehen, welche Maßnahmen wirken, wie sich Biodiversität zwischen unterschiedlich gemanagten Standortzonen unterscheidet und wie sich Investitionen optimieren lassen.

Hula startete gemeinsam mit STIHL ein Pilotprojekt auf einem 20 Hektar großen Produktionsstandort mit bereits umgesetzten Umweltmaßnahmen. Zwei BioT-Sensoren wurden installiert, um eine Baseline zu schaffen und Artvorkommen zwischen unterschiedlich gemanagten, stark urbanisierten Bereichen vollautomatisch zu vergleichen.

Ergebnisse und Wirkung

Im Monitoringzeitraum von August bis November 2025 wurden am Standort 49 Vogelarten nachgewiesen. Es zeigten sich klare Unterschiede zwischen ökologisch bewirtschafteten Zonen und stark versiegelten bzw. urbanisierten Bereichen wie Parkplätzen - ein direkter Nachweis für den Einfluss von Standortmanagement auf Biodiversität.

Noch wichtiger: Die Daten ermöglichten ein adaptives und effizientes Management, insbesondere für künftige Umweltmanagementprojekte. Die Biodiversitätsleistung einzelner Managementzonen wurde transparent, sodass STIHL Maßnahmen mit dem höchsten ökologischen Nutzen priorisieren und Eingriffe bei Bedarf laufend anpassen kann.

So wird sichergestellt, dass Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie die größte Wirkung erzielen - mit maximalem ökologischem Ergebnis und hoher Kosteneffizienz.

Verlässliche, standortspezifische Biodiversitätsdaten stärken zudem die ESG-Berichterstattung und unterstützen die Ausrichtung an den Kriterien der EU Taxonomy. Durch geringere Unsicherheit bei Biodiversitätsleistung und Transformationsrisiken eröffnet der Monitoringansatz Wege zu besseren Risikobewertungen und möglicherweise günstigeren Finanzierungskonditionen.

Der Erfolg des Piloten führte zum Rollout auf weitere STIHL-Standorte, darunter in Brasilien und Österreich, und skaliert damit die Vorteile transparenter, vergleichbarer und handlungsleitender Biodiversitätsdaten.

"Diese ergebnisorientierten Erkenntnisse ermöglichen uns, Unternehmensstandorte global zu vergleichen und echte Biodiversitätsziele zu setzen, auf die wir transparent hinarbeiten können. Was wir so nicht erwartet hatten: die Begeisterung und das Engagement unserer Mitarbeitenden, die diesen Weg aktiv mitverfolgen."
~Dr. Friedemann Stock, Vice President Sustainability bei STIHL

Ein Blueprint für urbane Industriebiodiversität

Dieser Fall zeigt, dass urbane Industrieökosysteme aktiv gesteuert statt nur passiv erhalten werden können. Kontinuierliches Monitoring ermöglicht evidenzbasierte Entscheidungen, adaptives Management und eine effiziente Kapitalallokation. So entsteht messbarer Mehrwert für Biodiversität - bei gleichzeitiger Unterstützung von regulatorischer Konformität und finanzieller Resilienz.

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